Wer regiert das Internet? Wer reguliert Sachverhalte? Wer bestimmt die technischen Strukturen und Standards? Oder wer entscheidet über Internet-Adressen? Warum gibt es nicht mehr neue Top Level Domains? Warum ist die Zahl der Rootserver auf 13 beschränkt? Warum stehen alle Rootserver in den Industrieländern?
Diese und viele andere Fragen stellt sich die Weltnation schon seit einigen Jahren. Aus historisch gewachsenen Gründen befindet sich die derzeit dafür verantwortliche Institution - die ICANN - in Amerika und steht ausschließlich unter der Aufsicht des amerikanischen Handelsministeriums.
Nachdem bereits im Jahre 2003 ein Weltgipfel für Fragen in der Informationsgesellschaft (WSIS -World Summit on the Information Society-) stattgefunden hatte, trifft sich die Weltnation auf einer Vorbereitungskonferenz zu einem zweiten Weltgipfel des WSIS, um globale Fragen und gemeinsame Antworten zu finden. Brasilien entwickelt sich dabei zum Dauerkritiker der USA und der vertraglich an die USA gebundenen ICANN.
Für das Internet gibt es keine völkerrechtlichen Verträge, es funktioniere vielmehr in einem totalen rechtlichen Vakuum, das beklagten mehrere Vertreter verschiedener Regierungen. Brasiliens Vertreter kritisierte, dass man Entscheidungen in der Netzverwaltung umzusetzen habe, als würde ein internationaler Vertrag mit bindender Wirkung ausgehandelt.
"Wir sollten das bestehende System nun nicht radikal und über Nacht umbauen," sagte der UN-Vertreter der indischen Regierung, Debabrata Saha. Aber nur weil die Verwaltung in der jetzigen historisch bedingten Variante in der Vergangenheit funktioniert habe, könne man notwendige Reformen nicht aufhalten. Zumal es kritische Fragen an die ICANN gebe: "Warum gibt es zum Beispiel nicht mehr neue Top Level Domains? Warum ist die Zahl der Rootserver auf 13 beschränkt und warum müssen sie alle in Industrieländern stehen?"
Auf diese Fragen hat auch der erste Zwischenbericht der UN-Arbeitsgruppe Internet Governance (WGIG) erst einmal keinerlei Antworten gegeben. Der stellvertretende US-Delegationsleiter Richard Beaird sagte, seine Delegation betrachte eine private Netzverwaltung als die beste Lösung und unterstütze ICANN und dessen Regierungsbeirat. Man wolle allerdings nun abwarten, welche verschiedenen Optionen die WGIG dazu präsentiere, welche Fragen von öffentlichem Belang zu klären seien.
Inzwischen nehmen aber verschiedene Vorschläge, wie das künftige Regime der Netzverwaltung aussehen könnte, langsam Gestalt an. Sie reichen von einer Unterzeichnung eines neuen Memorandum of Understanding durch internationale Regierungen, bis hin zu Brasiliens Vorschlag über einen Völkerrechtsvertrag. Algerien schlägt einen etwas offeneren Council of Internet Governamce vor, dem Regierungen nach Belieben beitreten könnten.
Zumindest in einem Punkt des Reizthemas globale Netzverwaltung herrscht inzwischen Einigkeit bei den in Genf versammelten Regierungsvertretern. Die privilegierte Aufsichtsrolle der US-Regierung muss abgelöst werden. Ein unilaterales System -- mit den USA als alleinige Aufsicht über die Netzverwaltung ICANN -- habe keine Zukunft in der digitalen Welt, verkündeten praktisch gleich lautend der brasilianische und der iranische Regierungsvertreter.